Weitere dt. MCS-Studien (1998-2004)

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Muse
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Weitere dt. MCS-Studien (1998-2004)

Beitrag von Muse »

Neben der bekannten multizentrischen RKI-Studie gab es zu MCS weitere deutsche Projekte, so z. B. die nachfolgend zusammengestellten Studien:

Inhaltsverzeichnis
1. „Untersuchung über die Prädiktoren von Krankheitsentstehung und Langzeitverlauf bei ambulanten und stationären Patienten der Umweltmedizin am Fachkrankenhaus Nordfriesland - unter der besonderen Berücksichtigung von Patienten mit MCS“
- Eckdaten und Ergebniszusammenfassung
- Verwendete ICD-10-Kodierung incl. interner Unterkategorien
- Übersicht ausgesprochener Therapieempfehlungen
- Das Nottingham Health Profile
- Arbeitsfähigkeit
- Psychische Aspekte
- Fazit des 225- seitigen Projektberichtes
- Quellennachweis und Verlinkung zum Gesamtbericht
2. Evaluation eines Ansatzes zur Behandlung toxisch belasteter Personen: eine kontrollierte MCS-Therapiestudie
3. "Berliner Studie zu umweltbezogenen Erkrankungen" des Robert Koch-Instituts
- Eckdaten
- Einige (vielsagende?) Zitate aus dieser Studie
- Quellennachweis und Verlinkung zum Gesamtbericht
4. Abschließender Hinweis

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1. „Untersuchung über die Prädiktoren von Krankheitsentstehung und Langzeitverlauf bei ambulanten und stationären Patienten der Umweltmedizin am Fachkrankenhaus Nordfriesland - unter der besonderen Berücksichtigung von Patienten mit MCS“

Eckdaten und Ergebniszusammenfassung
-2-jähriges Projekt des BUNDESMINISTERIUMS FÜR GESUNDHEIT UND SOZIALE SICHERUNG im Rahmen des Aktionsprogramms „Umwelt und Gesundheit“-
• Zeitraum 11.2000 bis 10.2002
• Auswertung von 295 Patientendaten, davon 157 MCS-Diagnosen
• Der Ergebnisbericht dokumentiert i. d. Zusammenfassung, dass die Zielsetzung erreicht wurde und ein Patientenregister erstellt wurde. U. a. wurde folgende Hypothese aufgestellt:
Ein Vergleich der Gruppen ergab, dass schwerwiegende und beeinträchtigende umweltmedizinische Erkrankungen wie MCS multifaktorielle Geschehen darstellen, die durch toxische Umwelteinflüsse initiiert werden, die Entstehung und Unterhaltung von schweren und chronischen Verlaufsformen jedoch durch psychosoziale, biologische und medizinische Cofaktoren gefördert wird
Die kurze Ergebniszusammenfassung können Sie komplett hier nachlesen: https://www.apug.de/risiken/umweltmediz ... gister.htm

Nachfolgend einige interessante Details/Auszüge aus dem Gesamtbericht vom Jan. 2003:

Verwendete ICD-10_Kodierung incl. interner Unterkategorien
Für die Diagnose einer MCS wurden die Kriterien der Multicenterstudie des RKI (2002) verwendet (unterteilt in chronische, subchronische und monosymptomatische MCS). Um genauere Unterteilungen zu ermöglichen, wurde die ICD-10 Kodierung T78.4 ("Allergie nicht näher bezeichnet") aufgeteilt in folgende interne Kategorien:

Allergie, nicht näher bezeichnet T78.4
MCS, chronisch T 78.40 (RKI-Definition)
MCS, monosymptomatisch T 78.41 (RKI-Definition)
MCS, subchronisch T 78.42 (RKI-Definition)
Elektromagnetische Sensitivität T 78.43
Nahrungsmittelintoleranzen T 78.1


Übersicht ausgesprochener Therapieempfehlungen
Folgende therapeutischen Massnahmen wurden eher als Empfehlung zur Weiterführung (oder Vervollständigung) der Therapie ausserhalb des FKH-NF gegeben:

1. Expositionsminderung und -meidung (häusliche Sanierung, um Schadstoffe zu entfernen, Zahnsanierung, Minderung der Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz u.ä.).
2. Ernährungsumstellung (Rotationskost, Umstellung auf wenig belastete Nahrunsgmittel aus biologischem Anbau, sonstige Ernährungsumstellung, z.B. Meidung eines intoleranten Nahrungsmittels).
3. Orale Supplementierung mit Mikro-/Makronährstoffen
4. Parenterale Supplementierung mit Mikro-/Makronährstoffen (bei intoleranter oraler Supplementierung)
5. Teilnahme an Informations- oder Selbsthilfegruppen
6. Physikalische Therapieformen, Bewegungstherapie
7. Psychotherapeutische Massnahmen

Übrigens:
Relevante Messwerte - d.h. hier einbezogen sind nur Messwerte zu relevant erscheinenden Expositionen- lagen bei 44% der 295 umweltmedizinischen Patienten vor
Das Nottingham Health Profile (NHP)
Gehört zu den am häufigsten verwendeten Instrumenten zur Erfassung des subjektiven Gesundheitszustands,es kann als ein Standardverfahren zur Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bezeichnet werden. Je höher die Punktzahl, desto größer die Anzahl und Schwere der Probleme.

Die NHP-Werte der Patienten des FKH-NF wurden hier mit den Ergebnissen aus einer Diabetiker-Studie (KEINÄNEN-KIUKAANNIEMI et al., 1996) verglichen. Dieser Vergleich ist lt. der Studiengruppe deswegen sinnvoll, da Diabeteskranke -ähnlich wie MCS-Erkrankte- eine ganze Anzahl von Veränderungen im alltäglichen Leben in Kauf nehmen müssen und therapeutische Konzepte nur in guter Zusammenarbeit und aufwendiger Schulung mit den Patienten unter Einbeziehung des familiären Umfelds erfolgreich sein können.

Fazit aus dem Vergleich:
Diabetiker haben schlechtere Lebensqualität als Bevölkerungsstichprobe
• MCS-Patienten haben darüber hinaus eine überwiegend schlechtere Lebensqualität
• Im Bereich „Energie“ belief sich der Unterschied zur Diabetiker-Gruppe auf > 35 %!



Arbeitsfähigkeit

Von den umweltmedizinischen Patienten des FKH-NF (PUM) waren 38% berufstätig und 62% nicht berufstätig. Von diesen konnten ca. 2/3 ihren Beruf aufgrund der Erkrankung nicht mehr ausüben. Von den nicht-berufstätigen Patienten waren 23% als Hausfrau/Hausmann tätig, 16% waren krankgeschrieben, 19% waren arbeitslos und 36% waren berentet.

-> Die Anzahl der Krankheitstage unter den berufstätigen MCS-Patienten war mit durchschn. 83,5 Tagen sehr hoch!!

Psychische Aspekte
• Psychotherapie:
  • 15 % der MCS-Patienten berichteten „sehr geholfen“
  • 46% „etwas geholfen“
  • 39% „nicht geholfen“
• Zu berücksichtigender Aspekt: Jeweils umgesetzte Psychotherapie und Psychoedukation, so dass gegenseitige Beeinflussungen nicht auszuschließen sind.Die "Psychoedukation" ist eines der wichtigsten Instrumente der umweltmedizinischen Beratung am FKH-NF und umfasst
o Reflexion
o Festigung von Verhaltensstrategien im sozialen und beruflichen Umfeld
o Copingstrategien
o Konfliktmanagement
o Änderung des Lebensstils, hier insbesondere Einnahme von Nahrungs- und Genussmitteln,
o Erkennen von Expositions- und Belastungs-/Gefährdungssituationen
o Strukturierung und Hierarchisierung von Zielkonflikten

Psychiatrisierung: Meist wurde in entsprechenden Studien ein psychodiagnostisches Instrumentarium zur Diagnosefindung eingesetzt, welches primär für die Fragestellung "Differenzierung zwischen umweltmedizinischen Erkrankungen und psychiatrischen/ psychosomatischen Erkrankungen" gar nicht geeignet ist bzw. in dieser Hinsicht nicht validiert ist.

Erfolgsfaktor: häufigere Konsultationen
• Patientenregister belegt "Kontakt führt zum Erfolg"
Engere Anbindung und häufigere Kontakte hatten deutlich höhere positive gesundheitliche Effekte als Einmalkontakte und weniger enge Anbindung.
-> Bei zumeist schweren Krankheitsbildern mit hoher Comorbiditätsrate sind beratungsintensive und komplexe therapeutische Strategien erforderlich, die auch nach Meinung der Ärzte bei Einmalkontakten kaum nachhaltig erfolgreich vermittelt werden können.

Fazit des 225- seitigen Projektberichtes:
Die Arbeitshypothese einer multifaktoriellen Pathogenese und Unterhaltung der MCS bei diesem eher schwer und chronisch erkranktem Patientenkollektiv des FKH-NF hat sich im wesentlichen bestätigt. Neben der Exposition gegenüber Pestiziden, Lösemitteln, Sick Building - Situationen, Formaldehyd und Reinigungsmitteln/Desinfektionsmitteln wurden auch eine familiäre Disposition, PTSD und zusätzliche psychosozialen Belastungen als Risikofaktoren für hohe Nennungen von chemischen Intoleranzen und (zum Teil nur in Untergruppen) für die Diagnose MCS erhoben. Weiterhin konnten eine allergische Disposition als Risikofaktor für hohe Nennungen chemischer Intoleranzen und Asthma als Risikofaktor für MCS identifiziert werden

Quellennachweis und Verlinkung zum Gesamtbericht:
https://www.apug.de/archiv/pdf/apug_mcs_bredstedt.pdf

-> Anmerkung: es müsste noch ein Folgebericht a. d. Jahr 2006 existieren, der im Zuge dieser Recherchen leider nicht ermittelt werden konnte.


2. Evaluation eines Ansatzes zur Behandlung toxisch belasteter Personen: eine kontrollierte MCS-Therapiestudie
Ein weiteres Projekt des BUNDESMINISTERIUMS FÜR GESUNDHEIT UND SOZIALE SICHERUNG im Rahmen des Aktionsprogramms „Umwelt und Gesundheit“ im Zeitraum: 20.11.2000 – 19.11.2002
• Therapie: verschiedene chemische, physische und psychische Therapie-Elemente (u. a. Gabe von Vitaminen und Spurenelementen)
• Ergebnis: Anhand der Patientenangaben zum Gesundheitszustand, zu Lebensqualität, allgemeiner Befindlichkeit, störungsbedingten Beeinträchtigungen etc. konnten nach Auswertung des Forschungsnehmers deutlich günstigere Werte bei den Patienten der beiden Therapiegruppen festgestellt werden im Vergleich zu den Patienten der Wartegruppe
Quelle: https://www.apug.de/risiken/umweltmediz ... tudie.htm


3. "Berliner Studie zu umweltbezogenen Erkrankungen" des Robert Koch-Instituts

Eckdaten
• Zeitraum 1998 bis 2004
• Studieninhalt: Mit dieser Studie wurde Fragestellungen zur Eingrenzung, Entstehungsweise und Diagnostik des MCS-Syndroms nachgegangen.
• Verknüpfung in den Erhebungsjahren 2000 und 2003 mit der multizentrischen RKI-Studie (Hinweise zu dieser Studie finden Sie in einem sep. Beitrag dieses Forums)
• Im Gegensatz zu jener multizentrischen Studie, die sich in der Auswertung auf den gemeinsamen Basisdatensatz beschränken musste, konnten in dieser Studie alle erhobenen Daten unmittelbar in die statistische Auswertung einbezogen werden.

-> Der Abschlussbericht ist publiziert auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums https://www.bundesgesundheitsministeriu ... pubid]=104
-> Datei-Download: funktioniert hier derzeit nicht. Der Studienbericht ist allerdings auch andernorts zu finden. Die entsprechende Verlinkung steht Ihnen weiter unten zur Verfügung.

Nachfolgend einige (vielsagende) Zitate aus dieser Studie:

"Schichtet man die Gruppe der Umweltambulanz-Patienten nach ihrem selbstberichteten MCS-Status, so ist festzustellen, dass die Patienten der sMCS-Gruppe den größten Teil der alternativen, respektive unkonventionellen umweltmedizinischen Untersuchungs oder Behandlungsmethoden statistisch signifikant häufiger in Anspruch genommen haben. Keine statistisch signifikante Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen waren von den 21 abgefragten medizinischen Methoden lediglich für 9 Verfahren nachweisbar: DMPS-Entgiftungstherapie, Bachblütentherapie, Colonhydrotherapie, Haarmineralanalyse, Pendeln, Hellseher oder Geisterheiler, Ayurveda,.." (S. 264)

"Ein charakteristischer MCS-Symptomkomplex hätte aber, so er existieren würde, bereits in der kleinen Stichprobe erkennbar sein müssen" (S. 269)

"Labormedizinisches Screening: Mit Ausnahme weniger Laborparameter sind die Umweltambulanz-Patienten nicht als Gruppe auffällig, d.h. erhöhte Werte treten nur bei einzelnen Patienten auf. Bei einigen Analyten waren Gruppenunterschiede zu vermelden, so hatten die Umweltambulanz-Patienten bei den Parametern Antithrombin II, Fibrinogen, HbA1c und Leukozytenzahl niedrigere Werte als die Vergleichsgruppe aus dem BGS 98, sowie höhere Werte bei Kalzium. Diese Unterschiede können aber nicht im Rahmen einer MCS-Problematik gedeutet werden." (S. 272)

"Die überwiegende Mehrheit der Umweltambulanz-Patienten (80,7%) hatte, nach den Kriterien des CIDI, wenigstens eine psychische Störung (Lebenszeitprävalenz), wobei in der Regel die psychische Erkrankung der mit der Umwelt assoziierten Erkrankung zeitlich vorausging." (S. 273)

-> Anmerkung im Rahmen des hiesigen Forenbeitrages: Dies steht im Widerspruch zu diversen anderen Studien/Publikationen.

"Wie im Rahmen der MCS-Verbundstudie gezeigt werden konnte, gehen bei rund 80% der Umweltambulanz-Patienten die psychischen Probleme den in Verbindung mit der umweltmedizinischen Untersuchung berichteten Symptomen weit voraus (im Mittel 17 Jahre!)" (S. 273)

-> Anmerkung im Rahmen des hiesigen Forenbeitrages: siehe Ausführungen von Dr. Müller, der im MCS-Infoblatt des dbu ausführlich auf diesen Teil der multizentrischen RKI-Studie einging. Hier nachzulesen: https://www.dbu-online.de/fileadmin/use ... _Info1.pdf

"Die beobachtete geringfügig bessere Identifikationsleistung von MCS-Patienten gegenüber Nicht-MCS-Patienten könnte durch eine Hochregulierung der sensorischen Aufmerksamkeit bedingt sein. "(S.274)

Quellennachweis und Verlinkung zum Gesamtbericht
Der Studienbericht über 303 Seiten steht hier als Download (PDF) zur Verfügung:
https://www.apug.de/archiv/pdf/Berichts ... Studie.pdf


4. Abschließender Hinweis
Dieser unverbindliche Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es können nur auszugsweise einige Informationen vermittelt und die entsprechenden Verlinkungen zu den Gesamttexten zum Nachlesen zur Verfügung gestellt werden.