RKI-Studie zu MCS 1999 - 2004

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Muse
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RKI-Studie zu MCS 1999 - 2004

Beitrag von Muse » So 17. Nov 2019, 17:21

Die Multizentrische MCS-Studie des Robert Koch-Institutes

Eine oft zitierte Studie. Wer sich bislang noch nicht damit beschäftigt hat und doch mal reinschnuppern möchte: Dieser Beitrag hält folgende Inhalte für Sie bereit:

1. Kurzüberblick zu den Rahmendaten des Projektes im Zeitraum 1999 - 2004
2. Berichtsband (Teil 1) von der Projektgruppe des MCS-Forschungsverbundes (Nov. 2002)
3. Anlagenband (Teil 2) von der Projektgruppe des MCS-Forschungsverbundes
4. Abschlussband/-bericht (Teil 3) der Studie zum Verlauf und zur Prognose des MCS-Syndroms (Jan. 2005)
5. Laienhafte (?) Überlegung eines MCS-Betroffenen bezüglich der Studien-Kategorisierungen
6. UBA-Fazit vom 14.12.16 zum Abschlussbericht der Studie
7. Artikel (2005) von RA Tamm zu den Studienergebnissen
8. Umweltgutachten 2004 des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen
9. Stimmen einiger Umweltmediziner zu den Unzulänglichkeiten der Studie
10. Abschließender Hinweis

1. Kurzüberblick zu den Rahmendaten des Projektes im Zeitraum 1999 - 2004
Untersuchung unter Leitung des Robert Koch-Instituts (RKI)
  • Zur Aufklärung der Ursachen des MCS-Syndroms unter besonderer Berücksichtigung des Beitrages von Umweltchemikalien.
    (Teil 1 vom 01.02.99 – 30.06.01 mit einer Patientenzahl von 234)
  • Zum Verlauf und zur Prognose des MCS-Syndroms - Erweiterung der Basisstichprobe und Nachuntersuchung.
    (Teil 2 vom 01.08.01 – 31.05.04 mit einer Teilnahme von 184 Patienten)
  • Eingebunden waren jeweils sechs umweltmedizinische Zentren (Aachen, Berlin, Bredstedt, Freiburg, Gießen, München).
Ergebnis - Kernaussage: Die Fragen nach den Ursachen von MCS und dem charakteristischen Beschwerdebild konnten nicht abschließend beantwortet werden.
Quelle: https://www.apug.de/risiken/umweltmediz ... tudien.htm

Der Berichtsband 1 enthält auf Seite 319 aber auch ein interessantes Fazit bezüglich geringer Lebensqualität und hohen Leidensdrucks:
Schon jetzt ist klar, dass Patienten mit selbstberichteter MCS und selbstverständlich auch die Patienten mit ärztlich bestätigter MCS (der sog. MCS2) subjektiv eine relativ geringe gesundheitsbezogene Lebensqualität und einen relativ hohen Leidensdruck aufweisen. Diese Einschätzung wird vielfach von den behandelnden Ärzten geteilt.
2. Berichtsband (Teil 1) von der Projektgruppe des MCS-Forschungsverbundes (Nov. 2002)
Die Vollversion des Projektbandes umfasst 343 Seiten. Besonders aufschlussreich hinsichtlich etwaiger Argumentationshilfen bzw. zur studiengestützten Veranschaulichung der Schwere der Erkrankung sind z. B.:

Themenbereich (Seitennr.):
  • Einleitung (22/23)
  • Abgrenzung ggü. Psychiatrischen Patienten (26)
  • 12-Mts.-Prävalenz von Schmerzen/Vgl. zu BGS 98 (105)
  • 7-Tage-Prävalenz von Schmerzen/Vgl. zu BGS 98 (106)
  • Gesundheitsbezogene Lebensqualität – MCS im Vergleich zu chron. Krankheiten (in 6 bzw. 7 von 8 Items schlechtere Werte der MCS-Patienten!) (162)
  • Beschwerdeauslöser im Vgl. zu Allergien (177)
  • Häufigkeitsverteilung der Anzahl von Beschwerdebereichen (186)
  • Beschwerdeliste Vergleich MCS u. BGS 98 -> hochsignifikante höhere Beschwerdescores! (189-191)
  • Ärztl. Einschätzungen zum ERSTEN Untersuchungstemin betr. Schwere der Beeinträchtigung (240)
  • Fazit – geringe Lebensqualität und hoher Leidensdruck (319)
  • Abkürzungsverzeichnisse als "Übersetzungshilfe" (340-343)

Hier geht`s zum Studienbericht: https://www.umweltbundesamt.de/sites/de ... g/2231.pdf

3. Anlagenband (Teil 2) von der Projektgruppe des MCS-Forschungsverbundes
Bildet auf 158 Seiten die Rahmendaten des Projektes ab mit Detailinformationen wie z. B. Vorgehen, Erhebungsinstrumente etc. Aus Patientensicht habe ich hier keine Argumentations-/Dokumentationshilfen ermitteln können. Hier können detailinteressierte Leser aber nachschlagen: https://www.apug.de/archiv/pdf/mcs_absc ... 2_lang.pdf

4. Abschlussbericht (Teil 3) der Studie zum Verlauf und zur Prognose des MCS-Syndroms (Jan. 2005)
- Erweiterung der Basisstichprobe und Nachuntersuchung –
Der Abschlussbericht incl. der Nacherhebung 2005 umfasst 227 Seiten. Besonders aufschlussreich hinsichtlich etwaiger Argumentationshilfen bzw. zur studiengestützten Veranschaulichung der kritischen Prognosen sind z. B.:

Themenbereich (Seitennr.):
  • Erwerbs(un)fähigkeit (176)
  • Besondere Belastungen (soz., fam., finanz.), die sich im Zeitraum von 3 Jahren bei den MCS-Kranken entwickelt haben (177)
  • Entwicklung von stärkeren Einschränkungen in versch. Lebensbereichen (178)
  • Abkürzungsverzeichnisse als "Übersetzungshilfe" (221-223)
Hier geht es zum entsprechenden Studienbericht: https://www.apug.de/archiv/pdf/MCS_Studie_Teil%203.pdf

5. Laienhafte (?) Überlegung eines MCS-Betroffenen bezüglich der Studien-Kategorisierungen
Im Studienbericht wird regelmäßig ein Vergleich innerhalb der KSP = Kernstichprobe, d.h. der gesamten Untersuchungsgruppe des Studienberichts, herangezogen. Die Vergleichsgruppen wurden unterteilt in bzw. definiert als
  • „sMCS = selbstberichtete MCS (Selbsteinschätzung eines Patienten, an MCS erkrankt zu sein)
  • „Nicht-sMCS-Gruppe“ (Patient schätzt sich zu Studienbeginn nicht als MCS-Betroffener ein)
Bei wiederkehrenden schlechteren Befragungsergebnissen der Gruppe sMCS könnte der Eindruck entstehen, dass die Patienteneinstellung hier ein (wenn nicht sogar „das“) „grundsätzliche/s Problem“ darstellt. Aus Patientensicht dürften hierbei aber folgende Aspekte eine Rolle spielen:
  • das z. T. auch in Ärztekreisen unbekannte Beschwerdebild wird in der Praxis häufig nicht erkannt
  • dies führt ggf. zu einem Leidensdruck, der die Betroffenen schließlich zu entsprechenden Eigen-Recherchen zwingt
  • dies führt ggf. zu einem langen Leidensweg, mit einer längeren Beschwerdedauer kann auch eine ausgeprägtere Chronifizierung und Sensibilisierung einhergehen
Im Studien-Abschlussbericht (Teil 3 / S. 207) wird ausdrücklich aufgeführt:
kaum zu übersehen, dass die MCS-Selbsteinstufung des Patienten nicht nur Ausdruck eines subjektiv empfundenen Expositions-Wirkungsgeschehens ist (und in soweit umweltmedizinische Aufmerksamkeit erfordert), sondern sicherlich auch von diversen Randbedingungen, wie etwa dem Informationsstand der betreffenden Person in Sachen „MCS“ abhängt. Manche Patienten werden von diesem „neuartigen Syndrom“ noch nichts gehört haben und sie können sich deshalb auch nicht explizit als „MCS-krank“ bezeichnen.
6. UBA-Fazit vom 14.12.16 zum Abschlussbericht der Studie
Im Online-Artikel „Multiple Chemikaliensensibilität“ publizierte das Umweltbundesamt ein Fazit zum Abschlussbericht der Studie:
Der Leidensdruck von MCS-Patienten kann sehr hoch sein und in extremen Fällen bis hin zur sozialen Isolation führen.
Lesen Sie den ganzen Artikel: https://www.umweltbundesamt.de/themen/g ... ibilitaet

7. Artikel (2005) von RA Tamm zu den Studienergebnissen
Rechtsanwalt Burkhard Tamm nahm den Abschlussbericht der MCS-Studien 2005 zum Anlass für seinen Artikel „Rechtliche Konsequenzen aus der MCS-Studie 2003 und dem SRU Gutachten 2004“
Einige Aussagen der Studie können zwar zur Begründung von Ansprüchen herangezogen werden, jedoch ist keine dieser Aussagen von ausreichendem Gewicht, Ansprüche wirklich fundiert zu begründen
Lesen Sie hier seinen entsprechenden Artikel: https://tamm-law.de/wp-content/uploads/ ... -06-11.pdf

8. Umweltgutachten 2004 des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen
In seinem vorgenannten Artikel erwähnt RA Tamm das SRU-Gutachten von 2004. Das Gutachten geht im Kapitel 12.2 auf das Thema Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS) ein. So wird hier u. a. festgehalten:
Die Anzahl an Patienten mit Multipler Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist in den letzten Jahren beträchtlich angestiegen.
Es ist inzwischen allgemein anerkannt, dass diese Patienten einen erheblichen Leidensdruck haben und eine adäquate medizinische Versorgung benötigen.
Der Aussage „MCS-Kranke sind schwer erkrankte Patienten und keine Hypochonder“ als Überschrift einer Resolution des Ökologischen Ärztebundes kann sicherlich auch unabhängig von der Problematik der ungeklärten Ätiologie zugestimmt werden.
Unter Absatz 1134 geht das Gutachten auf die Häufigkeit von MCS-Fällen und der für Deutschland errechneten Prävalenz von 0,5 % ein. Diesbezüglich wird der internationale Vergleich mit zwei großen USA-Studien herangezogen (Kalifornien 6,3 % -> 10-fach höher; Georgia 12,6 % -> 25-fach höher als in Deutschland).
Die Autoren halten diese Unterschiede für sehr ungewöhnlich, da sich im Allgemeinen die Umweltbedingungen in den Ländern USA und Deutschland nicht wesentlich voneinander unterscheiden.
Unter Punkt 12.2.3 „Zusammenfassung und Empfehlungen“ auf Seite 503 wird mit Blick auf die RKI-Studien u. a. darauf hingewiesen
Die vorliegende Multi-Center-Studie weist eine Reihe methodischer Schwächen auf, die bei einer möglichen Fortführung dieser Studie oder weiteren Untersuchungen vermieden werden sollten
9. Stimmen einiger Umweltmediziner zu den Unzulänglichkeiten der Studie
Im Rahmen der Publikationen von "umwelt-medizin-gesellschaft" sind studienbezogene Beiträge zu finden von Karl-Rainer Fabig (verst. 2005). Ein Auszug daraus:
Ambulanzen und Universitätsinstitute der Umweltmedizin sind in der Diagnostik oft überfordert.
Lesen Sie hier den gesamten Beitrag http://www.umg-verlag.de/umwelt-medizin ... i_mcs.html
Einen weiteren in der umwelt-medizin-gesellschaft publizierten Kommentar von ihm dazu können sie hier nachlesen:
http://www.umg-verlag.de/umwelt-medizin ... s_rki.html

Ein weiterer Artikel, verfasst von Dr. Kurt E. Müller, in der "umwelt-medizin-gesellschaft (Heft 2/2003) trug den Titel: "MCS – schließt die RKI-Studien Lücken?" Darin ging der Verfasser u. a. auf Themen ein wie die sprachlichen Unklarheiten der Studie, zuwenig Augenmerk auf körperliche Untersuchungen sowie die Erfordernis vermehrt auf das Know How derer zurückzugreifen, die langjährige Erfahrung in der Diagnostik und Betreuung von MCS-Kranken haben. Ergänzend wies er auch darauf hin, dass der Studienbericht dennoch klar dokumentiert, dass MCS eine schwere Erkrankung ist.

10. Abschließender Hinweis
Dieser unverbindliche Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann nur in groben Auszügen einige Informationen vermitteln bzw. evtl. interessante Verlinkungen zum Nachlesen zur Verfügung stellen.



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